Die meisten Modellbahner haben mit Platzproblemen zu kämpfen. Die Mitglieder des MEC Herrenberg und Gäu beweisen mit ihrer Modul-Anlage in Baugröße N, dass mit dem richtigen Konzept auch zünftiger Fahrbetrieb jederzeit und überall möglich ist.

Man kennt das ja: Berge von Papier mit zahllosen Gleisplanskizzen, abgeschrubbte Radiergummis und abgenagte Bleistifte legen beredt Zeugnis ab von den Träumen des Modellbahners. Doch schon beim Betreten des Modellbahnzimmers muss der Gleisbautrupp Farbe bekennen: Die Schnellzuglok mit ihren fünf maßstäblich langen D‑Zug-Wagen wird wegen des knappen Platzangebotes den Eindruck erwecken, als ob ein Ring Bratwürstchen in einer zu kleinen Pfanne gebraten wird.
Vor ähnlichen Problemen stand auch der Modelleisenbahnclub (MEC) Herrenberg und Gäu, berichtet Gerald Wirag, Vorsitzender des MEC. Der Verein besteht inzwischen seit mehr als 20 Jahren und hat derzeit 15 von der Baugröße N begeisterte Mitglieder. „Da die bisherige Clubanlage ohnehin abgerissen werden musste, weil das Clubgebäude nicht mehr zur Verfügung stand, konnten wir uns gleich ein ganz neues Anlagenkonzept überlegen“, meint Clubmitglied Jürgen Schmidt. „Als perfekte Lösung für die Zeit ohne ein Vereinsgebäude erschien uns eine Anlage aus Teilstücken“, fügt der MEC-Vorsitzende an.
Eine nach solchen Prinzipien gebaute Anlage kann für sich genommen als Heimanlage und mit verschiedenen anderen Teilstücken zusammengestellt als großes Betriebsarrangement für mehrere Mitspieler fungieren. „Mit einer solchen Anlage kann man auch auf Reisen gehen und sie dann auf Ausstellungen präsentieren“, freut sich Gerald Wirag.

Auf einen Blick
- Thema: Spur-N-Modulanlage nach Normen des MEC Herrenberg und Gäu
- Maße: Modullänge frei wählbar, empfohlen 85 cm; Breite 35 cm
- Epoche: III, aber nicht zwingend
- Gleismaterial: Peco-Finescale, Code 55
- Rollendes Material: Praktisch alle Hersteller von N‑Modellen
- Betrieb: Analog mit Z‑Schaltung
- Thema: Verbindungsstrecke zweier Hauptbahnen
Diese Zielsetzungen waren mit dem Segmentbaukonzept am leichtesten zu erfüllen. Kleine transportable und untereinander zu verbindende Modelllandschaften werden mitsamt den Gleisen fix und fertig gebaut. Das geschieht bequem am Basteltisch und ohne Verrenkungen; ein enormer Vorzug, denn wir werden alle älter und nehmen nicht nur an Weisheit zu, sondern auch an Steifheit.
Werden solche Teilstücke nach bestimmten Normen gebaut, so handelt es sich dabei um so genannte Module. Mehrere solcher Module sind dank der genormten Gleislage, Elektrik und Übergänge zu hallenfüllenden Arrangements aufbaubar. Ein weiterer Vorteil liegt in der Transportierbarkeit und Anpassungsfähigkeit solcher Anlagen.
„Obwohl es einige gute Modulbaupläne gibt, gefielen uns die vorhandenen Richtlinien nicht vollständig“, erklärt Schmidt. Die Herrenberger schufen nach ihren Vorstellungen eine eigene Norm für ihr Anlagenbaukonzept: Die Gäumodule waren entstanden und werden bis heute ständig weiterentwickelt.
Drehbuch hilft bei Planung und Betrieb einer Modellbahn
Zusammen mit den Vereinskameraden schrieben die Gäumodulbahner ein richtiges Drehbuch, nach dem sie eine eingleisige, nicht elektrifizierte Strecke in der Spurweite N darstellen. Um einen regen Zugverkehr zu begründen, wurde die Bahnstrecke als Verbindungslinie zweier benachbarter Hauptstrecken definiert, wobei es öfters Zugumleitungen oder auch lange Sonderzüge geben sollte.

Als Zeitraum, in dem das Modularrangement spielen soll, wurde die Epoche III festgelegt. Allerdings sehen das die Herrenberger nicht so eng: „Eine Modellbahn soll in erster Linie dem jeweiligen Erbauer Spaß machen und kein Zwang sein“, gibt Wirag seiner Modelleisenbahnphilosophie Ausdruck.
Die Landschaft der Module ahmt die hügelige Topographie Süddeutschlands nach. Es gibt sogar Nachbildungen von Motiven auf der Gäubahn. Die große weite Welt, also die fiktiven, nicht dargestellten Bereiche, werden beim Betrieb der Module an den Anlagenenden durch so genannte Fiddle Yards oder Gleisharfen, das sind offen zugängliche Schattenbahnhöfe, dargestellt. Auf solchen Harfen warten die Züge auf ihren nächsten Einsatz, können bereitgestellt und jederzeit umgruppiert werden.
Übrigens eine nachahmenswerte Idee: Platzbeschränkte Modelleisenbahner könnten beispielsweise im Regal der heimischen Schrankwand einen kleinen Bahnhof bauen. Eine ebenfalls ins Regalsystem passende Gleisharfe wird für die Betriebssitzung einfach mit der Anlage verbunden und sichert als Zugspeicher einen abwechslungsreichen Fahrspaß. Nach dem Spiel kommt die Gleisharfe einfach als Regalbrett zurück an ihren Platz.

Die Normen der Gäubahner für ihre Module (die übrigens unter www.mech.gaeubahn.de abrufbar sind) sehen zwei verschiedene Modul-Kopfstücke mit einer Breite von jeweils 35 Zentimetern vor. Die Länge eines Moduls steht den Erbauern frei, empfohlen werden 85 Zentimeter. Das zuerst entwickelte Profil weist einen symmetrischen Damm auf, das Gleis liegt mittig. Bei dem anderen Profil verläuft das Gleis außermittig nach vorne versetzt in leichter Hanglage.
Durch Kombinationen der Teilstücke beim Aufbau eines Modularrangements ergeben sich somit abwechslungsreiche Streckenführungen. Allerdings funktioniert das nur mit speziellen Übergangsprofilen, die die beiden verschiedenen Kopfstücke verbinden können. Die Bahnhofsmodule bestehen aus mehreren Teilstücken und sind je nach Betriebszweck in der Breite variabel.

„Beim Bau eines Modulkastens sollten nur hochwertige Materialien wie lackierte 16-Millimeter-Tischlerplatten oder 12-Millimeter-Sperrholz Verwendung finden“, empfiehlt Schmidt. Denn billigere Baustoffe halten auf Dauer weder Feuchtigkeit ab noch die ständigen Transporte inklusive Auf- und Abbau aus.
Die Elektrik der Module ist in Anlehnung an die Normen des Freundeskreises europäischer Modelleisenbahner e. V. (Fremo) entstanden. Die Herrenberger Modellbahnfans fahren auf ihren Modulen mit einer Zuordnungsschaltung (Z‑Schaltung). Das heißt, dass verschiedene Gleisabschnitte von einem Bahnhof aus verschiedenen Fahrreglern zugeschaltet werden können. Dadurch fahren Züge bis in benachbarte Bahnhöfe durch, ohne ein Rucken oder gar Anhalten. Diese ausgeklügelte Schaltung ermöglicht es, mehrere Züge zugleich über die Anlage zu fahren und damit viele Bediener zu beschäftigen.

Bei den Fahrgeräten finden sowohl Eigenbauten als auch modifizierte Steuerapparate aus dem Hause sb-Modellbau Verwendung. Sie sind als so genannte Walk-around-Regler ausgeführt, damit der Modelllokführer immer auf Höhe des Geschehens ist. „Dies hat sich besonders beim Rangieren bewährt oder auch beim einfachen Weichenstellen, denn nicht alle Weichen sind elektrifiziert“, erläutert Wirag. Einige Erbauer haben sich diese Kosten gespart und stellen die Weichen vor Ort mit Hilfe von unterirdischen Stellstangen, die funktionssicher und preisgünstig sind.

Bei der Ausgestaltung der verschiedenen Module kann der Erbauer ganz individuell vorgehen, denn die Herrenberger setzen hier wenig Grenzen. Als Gleissystem ist das Peco-Finescale-Gleissystem Code 55 mit einer Profilhöhe von 1,39 Millimetern vorgesehen. Die Bandbreite der Modullandschaften ist riesig und zeigt die verschiedenen Vorlieben der Erbauer. Auch die Geländebaumaterialien reichen vom berühmten Fliegengitter über Styropor bis zu Felslandschaften aus Knetmodelliermasse.
Hier zeigt sich ein weiterer großer Vorteil der Modulbauweise: Man kann an kleinen Teilen bestimmte Techniken ausprobieren, ohne dass allzuviel daneben gehen kann. Die Kosten halten sich je nach Baumaterialien und dargestelltem Motiv in überschaubaren Grenzen: „Ein normales gerades, 85 Zentimeter langes Streckenmodul mit etwas Landschaft kostet deutlich weniger als 100 Mark“, betont Schmidt. Es ist daher auch für Schüler, Familienväter oder auch nur zum Ausprobieren geeignet.

Mit diesen Richtlinien sind bis heute über vierzig Gäumodule entstanden, an denen sich inzwischen viele Modellbaufreunde in und außerhalb des Herrenberger Vereins beteiligen. Ein Tipp am Rande von Gerald Wirag: „Gleichlange Module lassen sich mit zueinander gewendeten Landschaftsseiten unter Verwendung zweier Bretter, die an den Modulseiten befestigt werden, sicher transportieren.“
Während die Zuggarnituren bei Vereinsbetrieb auf einen Fahrplan abgestimmt sind, wird bei Ausstellungen auch mal von dieser strengen Linie abgewichen: „Wir begeistern zum Beispiel die kleinen Besucher mit einem zwölfteiligen ICE oder einem Güterzug mit vier Metern Länge, der über die komplette Anlage fährt“, meint Schmidt. Für Zuschauer wie auch Betreiber ist es ein beeindruckendes Erlebnis, wenn ein zwei Meter langer Kohlenzug mit Doppeltraktion zweier Dampfloks der Baureihe 41 über eine 80 Zentimeter hohe Brücke donnert.
Aber auch das Rangieren – für Wirag und Schmidt das Salz in der Suppe – kommt nicht zu kurz. In den Fahrplänen sind beispielsweise Nahgüterzüge zu finden, die wie in Wirklichkeit von Bahnhof zu Bahnhof fahren und dort die anfallenden Rangierarbeiten selbst durchführen. „Hierfür sind in den Fahrplänen ausreichend Puffer vorgesehen, um die anfallenden Rangiergeschäfte in Ruhe zu erledigen“, erklärt Schmidt.
Der Erfolg spricht für das Konzept der Herrenberger, denn schon bald nach dem Bau der ersten Module gingen diese auf Reisen. Während die ersten Teilstücke auf Holzklappböcken aufgebaut wurden, entwickelten die findigen Clubmitglieder inzwischen ein Bauprinzip für die Standbeine.
Einfach und stabil: Modul-Standbeine aus dem Baumarkt

Die Höhe der Schienenoberkante wurde dabei auf 90 Zentimeter über Fußbodenniveau festgelegt. „Das hat sich bei Ausstellungen auch für kleinere Zuschauer bewährt, es ist aber auch möglich, eine Betriebsstelle noch im Sitzen zu bedienen“, versichert Wirag. Die Standbeine selbst sind aus Metalllochschienen entstanden, wie sie im Baumarkt verkauft werden. Sie sind leicht, stabil und platzsparend.
Trotz Transportproblemen durch zu kleine Kofferräume – „Da haben wir viel Lehrgeld zahlen müssen“, lachen Wirag und Schmidt – wurde die Modulanlage schon auf mehreren Ausstellungen in vollem Betrieb gezeigt, wie zum Beispiel 1997 und 1999 in Freudenstadt, auf der Modellbau Süd in Stuttgart 1998 oder beim 100-jährigen Jubiläum der Hohenzollerischen Landesbahn im Jahre 1999 in Gammertingen. Bei diesen Ausstellungen richten sich Anlagenform und Betrieb ganz nach den räumlichen Verhältnissen.
„Die auf der Stuttgarter Ausstellung betriebene Anlage wies eine Fahrstrecke von 35 Metern auf“, berichtet Gerald Wirag mit berechtigtem Stolz.
Jürgen Schmidt verweist auf ein dabei auftretendes Problem: „Über diese Entfernung und dem bei Ausstellungen herrschenden Lärmpegel können die Mitglieder allerdings nicht mehr auf herkömmliche Weise kommunizieren.“ Die Verständigung von Bahnhof zu Bahnhof muss daher über Telefone sichergestellt werden.
Sinnvoller Einsatz: Computer hilft beim Anlagen-Aufbau
Natürlich nimmt der Aufbau der Module eine gewissse Zeit in Anspruch, welche aber durch ein selbst entwickeltes PC-Programm eines Mitgliedes deutlich verkürzt wird. „Der Computer spielt in unserem Verein eine große Rolle“, erklärt Schmidt. Dieses Programm beinhaltet die Grundrisse aller bestehenden Module und durch entsprechende Reihungen kann die Anlagenform am Bildschirm mit allen Maßen vorab getestet werden.
Der eigentliche Aufbau geht je nach Größe der verschiedenen Anlagen in wenigen Stunden vonstatten, wobei die Module mit Maschinenschrauben und Laborkabeln verbunden werden. Strom wird an den jeweiligen Betriebsstellen eingespeist.
„Die Modulidee hat sich bewährt“, resümiert Gerald Wirag. Das Vorhaben, eine Anlage zu konzipieren, die sowohl zu Hause und auf Ausstellungen als auch im Verein von mehreren verwendbar ist, hatte Erfolg. „Und so mancher hat im eigenen Keller keine ewige Baustelle mehr, sondern eine kleine, aber feine wachsende Heimanlage, die auch von Hobbykollegen ab und zu bewundert werden kann“, ergänzt Wirag.
In der Zukunft wollen die Herrenberger sowohl Ausstellungen als auch Modellbahnbetriebstreffen mit Fremo-N-Bahnern durchführen. Auch der Aufbau einer neuen Clubanlage nach einem Vereinsheimwechsel wird noch viel Arbeit mit sich bringen.



